Bericht vom Wintersportlager 2026 in der Melchsee-Frutt
Offensichtlich werden Probleme meistens erst, wenn es zu spät ist. Taschen wurden bis zum Platzen gestopft, der Papa band die Ski zusammen, der grosse Bruder trug das Ganze zum Auto und die nette kleine Schwester brachte noch einzelne Taschen zum Car, während sich die Hauptperson schon mal den besten Sitzplatz im oberen Stock organisierte.
Interessant wurde es in der Stöckalp oder spätestens an der Bergstation Frutt: Ein Berg Material, verteilt auf gigantische Rollkoffer und lose Gepäckstücke – und vor sich ein Weg von eineinhalb Kilometern, samt kurzer Abfahrt, Benützung des «Händsche-Frässers» und ein paar Höhenmetern zur Erzegg. Die hilfreichen Verwandten mussten ersetzt werden durch mitleidige Kolleginnen, fremdverpflichtete Drittpersonen und soziale Leiter.

Nach dem traditionellen Suppe-Zmittag im ehemaligen Kuhstall, lockten die Pisten – wenn auch nicht unbedingt das Wetter – zum Schneesport. Die Gruppen waren engagiert unterwegs und offenbarten nach und nach leise Schwächen in der vorangegangenen Selbsteinschätzung: Kann ich wirklich in einer starken Gruppe mithalten, wenn ich zwar mit beachtlicher Geschwindigkeit rutschen kann, aber keine einzige Kurve hinkriege? (Aber: Hauptsache die BFF ist dabei…)
Am Abend brachte ein kurzer Rundblick in die Zimmer immerhin Aufklärung über den Inhalt des «Auswanderungsgepäcks»: Lichterketten waren gespannt, Nahrungsvorräte für eine fünfköpfige Familie stapelten sich, die Kosmetikabteilung des Manor war mehrfach vertreten, daneben Haarstreckeisen und Lockenstäbe, welche gemeinsam sicher die Hauptstromleitung zur Frutt überlastet hätten.
Am Dienstag zeigt die Frutt nochmals, wozu sie wettermässig in der Lage wäre: Auch gut ausgerüstete Wintersportler fühlten die Nässe durch alle Nähte kriechen und die Mittagspause reichte bei weitem nicht zum Trocknen aus. Der Nachmittag dagegen startete mit einem Versprechen und endete mit Sonnenschein und erster Hot-Pot Besetzung: Ein funkelnagelneues Chromstahl-Teil stand vor der Hütte und liess Erinnerungen an geruchlich wenig erfreuliche Ablagerungen in der früheren Version verblassen

Für den Rest der Woche war Sonnencreme wichtiger als Windstopper-Kleidung: Meist genossen wir stahlblauen Himmel, milde Temperaturen und spätestens am Nachmittag sulzige Pisten. Mehr und mehr Teilnehmer kamen überraschen auf den Geschmack beim Wachsen der Bretter – wer marschiert schon gerne die letzten 200 m zur Bonistock-Bahn, wenn trotz halsbrecherischer Schussfahrt am Ende zu wenig Schwung übrigbleibt? Unter kundiger Anleitung wurden die Geräte gewachst und poliert und die Freude darüber, den Kollegen am nächsten Tag gnadenlos stehen zu lassen, war offen und ehrlich. Schanzen, Kicker und interessante Kanten hart neben der Piste lockten zu Sprüngen, welche oft erst kräftig in die Hose gingen. Egal, der Tag ist noch lang und irgendwann muss der one-eighty ja klappen!



Die Pisten forderten nun allerdings auch Opfer: Ein ungeschütztes Handgelenk riss an, Schlüsselbeine und Schultern wurden etwas überbeansprucht und einige Füsse und Knie brauchten mindestens mal eine Pause. Vor Schlimmerem blieben wir aber verschont und konnten die Abendprogramme in Angriff nehmen. Die interdisziplinäre Lagerolympiade war herausfordernd und ein Actionbound dauerte länger als gedacht, ans Aufgeben dachten aber die wenigsten. Beim Gruppen-Ski-Laufen blieben die Leiter ungeschlagen, doch muss gesagt sein, dass sie auch langjährige Erfahrung mitbrachten. Beim Zuschauen war je nach Gruppe der Fremdschämfaktor grösser als der Genuss: Wie kann man sich eigentlich derart missverstehen und warum gibt es so viele Häuptlinge und kaum Indianer? Die Strecke von 5 Metern war eine erstaunliche Herausforderung…




Mittlerweile wurde fleissig Lagerwährung angehäuft, jeder wollte einen «Rüffel» und träumte von einem «Zämeschiss» – der immerhin 10000 Rüffeln entsprach – und den Eintritt in die Oberklasse beim Spielcasino ermöglichte. Der Schlussabend nahte und wurde – wie befürchtet – verlängert, wodurch das Spielglück ein paar Mal die Seiten wechseln konnte. Ein bankrotter Teilnehmer, welcher von Leiter X ein kleines Almosen erhielt, war schon wenige Minuten später ein umjubelter Krösus und hatte gute Chancen, bei der anschliessenden Auktion ungesunde oder hirnlose Dinge zu ersteigern.

Die Packerei am Samstag musste zackig gehen, wenn der Zeitplan funktionieren sollte. Was allerdings danach an Kleidung und sonstigem Material noch herrenlos in den Zimmern zurückblieb, liess einen staunen – ich meine bei 4 Leuten sollte die Sockenverteilung doch möglich sein? Das Bild erinnerte ein bisschen an die Bourbaki-Armee: Material blieb erst im Zimmer liegen, dann vor dem Haus, wurde unterwegs verloren, schliesslich nicht in den Car eingeladen oder blieb dann dafür gleich dort. Mit dem gesammelten Zeug hätten zwei Teilnehmer vollständig ausgerüstet werden können – aber genug gestänkert.
Wir kamen heil zu Hause an und für manche war dann wohlverdientes und auch nötiges Nachschlafen angesagt, das galt übrigens auch für Leiter.
März 2026, Bruno Kägi





